Manchmal beginnt Handlungsfähigkeit damit, nicht sofort zu handeln.
Hallo zusammen,
in den vergangenen Wochen habe ich neben einem normalen Acht-Stunden-Arbeitstag ziemlich viel geschrieben und entwickelt: Blogtexte, Newsletter, Impulspapiere, neue Formate.
Das funktioniert erstaunlich oft ziemlich gut.
Und dann gibt es den Punkt, an dem es nicht mehr funktioniert.
Nicht unbedingt, weil die Zeit vollständig aufgebraucht wäre. Sondern weil sich die Dinge gegenseitig in die Quere kommen. Noch ein Text. Noch eine Idee. Noch eine Aufgabe, die eigentlich wichtig ist. Und der naheliegende Reflex lautet: besser organisieren, schneller entscheiden, noch einen Arbeitsblock einbauen.
Ich merke inzwischen ziemlich deutlich: Genau dann hilft manchmal das Gegenteil.
Kurz zurücktreten.
Pause.
Und: Nicht sofort fragen: Was muss ich als Nächstes tun?
Sondern zuerst: Was passiert hier eigentlich gerade?
Worum es mir geht
Diese kleine Erfahrung aus meiner eigenen Arbeitswerkstatt begegnet uns in viel größerem Maßstab auch in der Arbeitswelt.
Wenn sich etwas verändert, reagieren wir schnell mit Maßnahmen. Eine neue Technologie kommt – wir brauchen Schulungen. Fachkräfte fehlen – wir brauchen Qualifizierung. Aufgaben verändern sich – wir entwickeln neue Kompetenzprofile. Eine Organisation gerät unter Druck – wir starten ein Veränderungsprogramm.
Vieles davon ist sinnvoll. Manchmal sogar dringend notwendig.
Aber Aktivität und Handlungsfähigkeit sind nicht dasselbe.
Denn zwischen einer wahrgenommenen Veränderung und der passenden Maßnahme liegt eine Aufgabe, die bemerkenswert leicht übersprungen wird:
Wir müssen verstehen, was sich eigentlich verändert hat.
Das klingt banal. Ist es aber nicht.
Was darunter liegt
Gerade unter Zeitdruck entsteht schnell der Eindruck, Nachdenken sei etwas, das man sich vor dem eigentlichen Handeln noch leisten müsse.
Dabei geht es gar nicht darum, so lange zu analysieren, bis alle Unsicherheit verschwunden ist. Das wird in Transformationsprozessen ohnehin selten gelingen.
Es geht um etwas Praktischeres.
- Welche Tätigkeit verändert sich tatsächlich?
- Welche Rolle gerät in Bewegung?
- Welche Erfahrung trägt weiterhin?
- Welche Verantwortung verschiebt sich?
- Wo liegt wirklich ein Kompetenzproblem – und wo vielleicht ein Passungs-, Organisations- oder Übergangsproblem?
Solche Fragen erzeugen noch keine fertige Lösung. Aber sie verändern die Qualität der nächsten Entscheidung.
Genau das meine ich mit Orientierung.
Nicht Sicherheit.
Nicht den perfekten Plan.
Und auch keine zusätzliche Schleife vor dem Handeln.
Orientierung bedeutet, eine veränderte Lage so weit zu verstehen, dass die nächsten Schritte nicht nur schnell, sondern auch einigermaßen begründet sind.
Was die Forschung und Praxis zeigen
Wie wichtig diese Zwischenstufe wird, lässt sich gerade am Einsatz Künstlicher Intelligenz beobachten.
Das IAB zeigt, wie schnell generative KI inzwischen in deutschen Betrieben angekommen ist: 2025 nutzte sie bereits knapp jeder vierte Betrieb. Weiterbildung, betriebliche Regeln und die organisatorische Einbettung entwickeln sich jedoch nicht überall im gleichen Tempo.
Internationale Analysen der ILO lenken zugleich den Blick weg von der einfachen Frage, welche Berufe durch KI verschwinden könnten. Vieles deutet darauf hin, dass sich zunächst Tätigkeiten innerhalb bestehender Berufe verändern – und damit auch Rollen, Entscheidungsräume und Verantwortung.
Das ist mehr als eine technische Veränderung.
Denn wenn sich die Arbeit verändert, steht nicht automatisch fest, welche Maßnahme darauf die richtige Antwort ist.
Gerade unter hohem Veränderungsdruck wird deshalb eine Fähigkeit wichtiger: zwischen dem unmittelbaren Handlungsdruck und dem tatsächlichen Handlungsbedarf zu unterscheiden.
Ein Muster, das gerade wichtiger wird
Genau hier lohnt es sich, bei Künstlicher Intelligenz noch genauer hinzusehen.
Die Debatte springt sehr schnell von der Technologie zu Jobs, Skills und Weiterbildung.
Dabei liegt dazwischen eine ganze Ebene: die Arbeit selbst.
- Welche Tätigkeiten übernimmt KI?
- Welche unterstützt sie?
- Welche werden wichtiger?
- Welche Entscheidungen bleiben beim Menschen?
- Und was bedeutet das für Rollen und Verantwortung?
Darum geht es am 9. September im nächsten Blog: „Wenn KI Tätigkeiten verändert …“
Denn möglicherweise liegt ein Teil unseres Problems darin, dass wir sehr schnell nach neuen Kompetenzen fragen, bevor wir ausreichend verstanden haben, welche Arbeit überhaupt entsteht.
Mini-Gedanke – Zum Mitnehmen
Vielleicht ist Aktionismus deshalb nicht immer das Gegenteil von Orientierungslosigkeit.
Manchmal ist er eine ihrer Erscheinungsformen.
Handlungsfähigkeit zeigt sich nicht nur darin, schnell etwas zu tun. Sondern auch darin, rechtzeitig zu erkennen, wann man zunächst einen Schritt zurücktreten muss, um wieder zu sehen, worauf das Handeln eigentlich zielt.
Weiterdenken
Mit meinen Impulsen versuche ich, Fragen, die in Newsletter und Blog zunächst an einzelnen Beobachtungen sichtbar werden, in einen größeren Zusammenhang zu stellen.
In meinem ersten Impuls vom Juli – „Transformation braucht Orientierung – nicht nur neue Kompetenzen“ – habe ich die Grundthese dieser Reihe ausführlicher entwickelt:
Was bedeutet Orientierung in Zeiten von KI, Fachkräftedruck und gesellschaftlicher Unsicherheit – für Menschen, Organisationen und Bildung?
Download Impulspapier (Externer Link)
Im September gehe ich einen Schritt weiter.
Am 14. September erscheint mein zweiter Impuls: „Orientierung vor Qualifizierung“
Darin geht es um die Frage, was sich für Bildung und Arbeitswelt verändert, wenn wir nicht sofort bei fehlenden Kompetenzen und neuen Kursen ansetzen, sondern zunächst genauer betrachten, welche Arbeit sich verändert, was Menschen bereits mitbringen und welche Übergänge eigentlich gestaltet werden müssen.
Dazwischen schauen wir am 9. September im Blog auf ein konkretes Feld:
Was passiert mit Arbeit, wenn KI nicht einfach Berufe ersetzt, sondern Tätigkeiten, Rollen und Verantwortung verändert?
Quellen
Friedrich, Martin / Kagerl, Christian (2026): Künstliche Intelligenz in deutschen Betrieben: Jeder vierte Betrieb nutzt mittlerweile generative KI. IAB-Kurzbericht 08/2026.
Gmyrek, Pawel et al. (2025): Generative AI and Jobs: A Refined Global Index of Occupational Exposure. ILO Working Paper 140.