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Demokratie lernen - Wenn Lebenswelten internationaler werden

Was französische Konsularwahlen mit Bildung, Zugehörigkeit und Lebenslangem Lernen zu tun haben.

 

Hallo zusammen,

in den letzten Tagen bin ich bei einem zunächst sehr speziellen Thema hängen geblieben: den französischen élections consulaires.

Französinnen und Franzosen, die im Ausland leben, haben Ende Mai ihre Vertreterinnen und Vertreter in den konsularischen Räten gewählt. Auch in Deutschland wurde gewählt – in mehreren Wahlkreisen, unter anderem über Berlin, Frankfurt und München.

Auf den ersten Blick klingt das wie ein sehr besonderes institutionelles Verfahren. Beim näheren Hinsehen steckt darin aber eine größere Frage:

Wie lernen wir Demokratie, wenn unsere Lebenswirklichkeiten längst internationaler sind als viele unserer Institutionen?

 

Worum es mir dabei geht

Mich interessiert an diesem Beispiel weniger das konkrete Wahlergebnis als die Bildungsfrage dahinter.

Menschen leben heute häufiger zwischen Ländern, Sprachen, Bildungssystemen, Arbeitsmärkten und politischen Kulturen. Wohnort, Staatsangehörigkeit, Zugehörigkeit und politische Teilhabe fallen nicht mehr immer selbstverständlich zusammen.

Demokratie braucht deshalb mehr als Wahlverfahren. Sie braucht Menschen, die politische Systeme einordnen, Mehrfachzugehörigkeiten verstehen und nationale Identität nicht nur als Abgrenzung, sondern als reflektierte Zugehörigkeit denken können.

 

Was darunter liegt

Unter solchen Wahlverfahren liegt eine tiefere Frage: Wie verstehen wir Zugehörigkeit, wenn Menschen längst nicht mehr nur an einem Ort leben, arbeiten, lernen oder politisch verbunden sind?

Nationale Identität wird in vielen Debatten noch immer stark über Abgrenzung gedacht: Wer gehört dazu, wer nicht? Wer ist „innen“, wer ist „außen“? Internationalisierte Lebenswirklichkeiten zeigen aber, dass Zugehörigkeit oft vielschichtiger ist. Menschen können einem Land staatsbürgerlich verbunden sein, in einem anderen Land ihren Alltag gestalten, in mehreren Sprachen leben und unterschiedliche politische Kulturen kennen.

Gerade deshalb wird Bildung wichtig. Sie kann helfen, nationale Identität nicht nur als Herkunft oder Abgrenzung zu verstehen, sondern als reflektierte Zugehörigkeit: als Fähigkeit, die eigene Position einzuordnen, andere politische Kulturen zu verstehen und demokratische Verantwortung auch jenseits einfacher Wir-Sie-Muster zu denken.

 

Was die Forschung sagt

Bildungsforschung, Demokratieforschung und Forschung zu Lebenslangem Lernen zeigen seit Langem: Demokratische Handlungsfähigkeit entsteht nicht allein durch Wissen über Institutionen. Sie entwickelt sich auch durch Erfahrung, Beteiligung, Sprache, Konfliktfähigkeit, Urteilskraft und die Möglichkeit, gesellschaftliche Veränderungen einzuordnen.

Der Europarat beschreibt demokratische Kultur deshalb nicht nur als Frage politischer Bildung im engen Sinne, sondern als Bündel von Kompetenzen: Werte, Haltungen, Fähigkeiten sowie Wissen und kritisches Verstehen. Dazu gehören unter anderem die Fähigkeit zum Perspektivwechsel, zur Kooperation, zum Umgang mit Mehrdeutigkeit und zur aktiven Teilhabe in demokratischen Gesellschaften.

Auch die OECD betont mit dem Learning Compass 2030, dass Bildung Menschen nicht nur auf bestehende Anforderungen vorbereiten soll. Sie soll Orientierung für die Zukunft geben und junge Menschen befähigen, Verantwortung zu übernehmen, neue Werte zu schaffen, Spannungen auszuhalten und die eigene Zukunft mitzugestalten.

Zugleich macht UNESCO in den Arbeiten zur Zukunft der Bildung deutlich, dass Bildung angesichts gesellschaftlicher, technologischer und ökologischer Umbrüche neu gedacht werden muss: nicht nur als individuelle Qualifizierung, sondern als Beitrag zu gerechten, friedlichen und nachhaltigen Zukünften.

Für die Erwachsenenbildung ist das besonders wichtig. Das Marrakech Framework for Action der UNESCO betont die transformative Kraft von Adult Learning and Education und verbindet Erwachsenenbildung mit Teilhabe, Inklusion und lebenslangen Lernmöglichkeiten für alle. Gerade in Transformationszeiten brauchen Menschen daher Lernräume, in denen sie nicht nur neue Kompetenzen erwerben, sondern Orientierung gewinnen: über gesellschaftliche Entwicklungen, Zugehörigkeit, Teilhabe und eigene Handlungsmöglichkeiten.

 

Mini-Gedanke – Zum Mitnehmen

Vielleicht ist Lebenslanges Lernen nicht nur eine Antwort auf beruflichen Wandel.

Vielleicht ist es auch eine demokratische Infrastruktur.

Ein Raum, in dem Menschen lernen können, Wandel zu verstehen, Zugehörigkeit zu reflektieren und handlungsfähig zu bleiben – auch dann, wenn Lebenswirklichkeiten komplexer werden als die Institutionen, in denen Demokratie ursprünglich gedacht wurde.

 

Neuer Blogartikel

Dazu habe ich einen neuen Blogartikel geschrieben:

Demokratie lernen in internationalisierten Lebenswirklichkeiten 
Was die französischen Konsularwahlen über Bildung, Zugehörigkeit und Lebenslanges Lernen zeigen

Im Artikel geht es um die französischen Konsularwahlen als aktuellen Anlass – und um die größere Frage, welche Bildungsräume wir brauchen, wenn Demokratie in internationalisierten Lebenswirklichkeiten gelernt und gelebt werden soll.

Zum Blogartikel

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