Hallo zusammen,
die Wahlen sind vorbei. Morgen ist der 3. Oktober – für mich ein Anlass, noch einmal über diesen Wahlherbst nachzudenken: Was haben wir erlebt, und was können wir daraus lernen?
Am Wahlabend in Sachsen-Anhalt hatte ich einen merkwürdigen Eindruck: Wir hatten uns seit Wochen warm angezogen und warteten nun auf das Ergebnis wie auf einen Tsunami. Die Prognosen wurden diskutiert, die Folgen ausgemalt. Aber in diesem Warten lag auch etwas von: Es kommt jetzt eben so.
Dann waren die Zahlen da. Die AfD erreichte 43,8 Prozent. Die CDU fiel von 37,1 auf 17,2 Prozent. Es sind nicht allein die Zugewinne der AfD, die mich beschäftigen. Auch die schweren Verluste der Union verlangen eine Erklärung. Die Schuldigen für diesen Einbruch waren schnell ausgemacht; nach der Wahl folgten vertraute Formeln darüber, dass man genauer zuhören und Vertrauen zurückgewinnen müsse.
Vielleicht braucht es solche ersten Reaktionen. Aber woran würden wir erkennen, dass aus ihnen mehr wird? Dass politische Parteien ihre Annahmen über das Land überprüfen, statt nur ihre Botschaften zu verändern? Dass wir selbst die Erklärungen hinterfragen, die uns sofort einleuchten?
Und wessen Erfahrungen kommen in unseren Erzählungen über dieses Land vor – und wessen kaum? Auch darauf antwortet ein Wahlergebnis nicht von selbst.
Was hat das mit Bildung zu tun? Eine Menge, glaube ich. Eine Wahl entscheidet über politische Macht. Sie erklärt noch nicht von selbst, warum Menschen so gewählt haben. Dafür müssen wir zwischen dem Ergebnis, unseren Deutungen und den schnellen Schuldzuweisungen unterscheiden. Wir müssen Erfahrungen ernst nehmen, Behauptungen prüfen und aushalten, dass ein Gegenargument die eigene Sicht verändert.
Das gilt auch für Parteien und Institutionen. Demokratisches Lernen kann nicht allein heißen, dass Bürgerinnen und Bürger besser informiert sein sollen. Wer politische Entscheidungen trifft, muss ebenfalls zeigen können, welche Einwände gehört wurden, welche Annahmen nicht getragen haben und was sich daraus konkret ändert. Eine neue Formulierung ist noch keine neue Erkenntnis.
Deshalb widme ich mich im Oktober hier der Frage, wie Bildung und Demokratie zusammenhängen. Es geht um Urteilskraft im Streit, um die Erfahrung wirksamer Beteiligung und darum, ob auch Institutionen aus Widerspruch lernen. Bildung erzeugt kein gewünschtes Wahlergebnis. Sie kann uns aber helfen, vor der nächsten Wahl genauer zu verstehen, worüber wir entscheiden – und welche Antworten die Politik schuldig bleibt.
Diese Frage kommt nach einem Wahlabend vielleicht spät. Aber nach der Wahl kommt vor der Wahl. Wir haben Zeit, genauer hinzusehen: Welche Erfahrungen wurden übersehen? Welche Erklärung hält einer Prüfung stand? Und woran werden wir vor dem nächsten Gang zur Urne erkennen, dass jemand tatsächlich etwas gelernt hat?
Mini-Gedanke zum Mitnehmen: Vielleicht beginnt demokratische Bildung genau dort, wo wir ein Wahlergebnis weder als Schicksal hinnehmen noch mit einer schnellen Erklärung abhaken.
Nächste Woche geht es im Blog darum, wann ein Konflikt zu einem Lernfall werden kann – und was es dafür braucht.